Montag, 13. August 2012

Letzte Woche ist meine Arbeitszeit hier an der Todai mit tollen Resultaten zu Ende gegangen. Ich habe ArgB im großen Stil aufgereinigt und auf 120mg/ml konzentriert.
Für alle Geisteswissenschaftler: Jawohl, das ist toll!
Für alle Naturwissenschaftler: Ich nehme Glückwünsche und Schulterklopfen gerne nach meiner Rückkehr entgegen.

Die Proteine haben sich in einer geräumigen 4°C Kammer in diese unbequeme Lage bringen lassen, deren Eingang mich immer an Resident Evil erinnert hat. Aber der Film ist total unrealistisch, eine Zombi verkloppende Milla Jovovich im Minirock war weit und breit nicht zu finden. Möglicherweise hätten die blöden Zombies aber meine Zentrifuge angehalten und das Protein getrunken, die Rabauken! Daher bin ich nicht allzu enttäuscht und gebe mich mit dem schockierenden Temperaturgefälle von schlappen 31°C zwischen Flur und Kühlraum zufrieden. Wer davon keine Halsschermzen bekommt macht was falsch.



Vergessen war das Alles aber auf meiner Farewell Party. Ich kann kaum in Worte fassen wie herzlich und schön der Abschied vom team war. Das ich solche Momente mit meinen Gastgebern erleben würde hätte ich nicht gedacht und nehme diese Eindrücke als intensivste Erinnerung an Japan mit zurück. Vor den spannenden Städten, der schönen Natur und dem tollen Essen stehen die Japaner selber, die mich mit ihrer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sehr beeindruckt haben. Ein paar Fotos habe ich von meinen Kollegen noch bekommen:



Hier beginnt nun die Obon Periode, während der alle Forscher zu ihren Familien zurückkehren und viele offizielle Einrichtungen schließen. Sogar mein Wohnheim hat dicht gemacht und ich bin mit Sack und Pack ausgezogen. Nach meiner Verabschiedung am Freitag bin ich dann stundenlang durch Tokyo gelatscht und habe mir die Zeit mit Fotografieren vertrieben. Ab und an habe ich entschieden jetzt mal nach Hause zu fahren, weil sich die Füße weh und das T-Shirt nass anfühlten. Aber ich hab ja garkein Zuhause mehr! Also bin ich doch noch in der Stadt geblieben und habe versucht mich frei statt obdachlos zu fühlen. Es ging.

Das Resultat sind unzählige zusammenhangslose Schnappschüsse. Auf einer Fotoausstellung habe ich aber gelernt damit umzugehen. Profis schieben Bilder mit irgendwelchen Gemeinsamkeiten hintereinander und nennen es eine "Serie". Dann ist das Kunst! Diesen rettenden Unsinn habe ich natürlich nachgemacht, ich starte mit folgender Serie:

1) "Stadt bunt"


2) "Stadt nicht bunt"


3) "Häuser"


4) "Semi"

Sonntag, 5. August 2012

Seit einigen Tagen sind die VTG-Schrecken zum Leben erwacht, die jedes begrünte Areal mit dem fauchenden Gesang gleichnamiger Turbolader schmücken. Ich gehe dann immer etwas schneller.
Brüskierte Zoologen seien mit der Zusatzinformation befriedet, dass die 5-6 cm großen Tierchen auch "Semi" genannt werden und das drehmomentschwangere Geräusch zu Balzzwecken mit ihren Hinterbeinen erzeugen. Auch wenn es mich anspricht werde ich das nicht überprüfen. In den Bergen Naganos lebt eine anders balzende Gattung (Higurashi), die sich auf sehr hohe stakkatohafte Sexualgespräche spezialisiert hat. Das klingt dann schon eher kaputt, aber ökologischer.


Nach der Fauna soll auch die Flora heute nicht zu kurz kommen. In früheren posts hatte ich den Ueno-Park erwähnt und gezeigt, den ich jetzt häufiger passiere um mich schnellstmöglich in gleichnamigem Stadtteil verlustieren zu können (Yodobashi camera, KFC, McD, Döner, und natürlich mein freundlicher Süßigkeitenhändler). Auf dem Foto waren größere Flächen mit undefinierter Botanik zu sehen, die ich mit dieser Beschreibung maßlos unterbewertet habe.

Von Architekt zu Biologe hat Ariel mir erklärt, dass es sich um Lotus Blumen handelt! Buddha sitzt auf einer Lotusblüte und die Japaner essen den Salat da drunter... Trotz dieser existentiellen Bedeutung lässt mich das als generell salatfeindlich eingestellten Katholiken natürlich kalt. Aber ich weiß nun um die kulturelle Bedeutung und spreche nicht mehr von undefinierter Botanik, Laub oder Grünzeug. Ein Lotus Gedenkbild an dieser Stelle möge meine Achtung zum Ausdruck bringen:



Nach dem selbstverständlich Lotus- und salatfreien Mittagessen am vergangenen Freitag hatten wir uns gerade höflich mit einem "Gochisou sama deshita" für die leckere Mahlzeit bedankt und zum Aufbruch komplementiert (das macht man hier so) als mir rücklings eine Zeitung über den Kopf gezogen wurde, das es nur so schepperte! Vom habituellen Kontrast heftig irritiert drehte ich mich um erblickte das strahlende Gesicht Travours.
Travour ist ein lustiger Junge amerikanischer Herkunft, mit dem Selbstverständnis und -bewusstsein eines doppelten Nobelpreisträgers der gerade Wimbledon gewonnen hat. Kombiniert mit seiner ordinär direkten Art ist er in der japanischen Wahrnehmung also die personifizierte Unverschämtheit. Verschreckten Zeugen seines Auftretens steht ein herausplatzendes "WER WAR DAS DENN?" ins Gesicht geschrieben und Gesten der Hilflosigkeit sind der einzige Weg, sich selber in dieser Gesellschaft zu erklären.
Ich mag ihn trotzdem, seine Karikatur amerikanisch-japanischer Inkompatibilität stellt selbst die bemühtesten Komiker in den Schatten.

Samstagabend war ich wieder mit Dennis und Doro unterwegs. Auch wenn solche Wiederholungen literarisch verpönt sind: Wirklich nette Leute kennst du hier Maik! Ein Freund von den beiden hat ein Konzert gegeben, das mir Gelegenheit bot meinen populärmusikalischen Horizont nochmals zu erweitern. Tokyo-based indie solo rock nennt sich das Genre und bedarf wie der Name schon sagt nur eines Musikers, der alle Stimmen übernimmt. Deren zeitgleiche Umsetzung würde unweigerlich in Hektik ausarten, daher dient ein iPod zum separaten Aufnehmen und späteren gemeinsamen Abspielen aller Tracks. In dem Fall macht das "i" vor dem "pod" also Sinn... Gesang und lead Gitarre kamen live dazu und ergaben so eine tolle Performance, die musikalisch gut und zusätzlich sehr partytauglich war.

Auf dem Heimweg war ich dann recht spät dran, und habe die Ueno-station passiert, als die letzten Bahnen schon abgefahren waren. Dann ergibt sich ein geisterhaftes Bild menschenleerer Bahnhofshallen:



Ein weiteres Feuerwerk hat mich mit den japanischen Spreng- und Polizeimeistern wieder versöhnt und war darüber hinaus eine schöne Aktion mit meinem team. Ich zitiere an dieser Stelle das Urteil eines Aachener Obdachlosen zur Bildzeitung: "Viel zu viel Text, viel zu wenig Bilder, wenn interessiert der ganze Quatsch denn?" Fotos:



Zum Ausklang des Wochenendes habe ich endlich Akihabara besucht. Unter Touristen gilt diese Ecke Tokyos wegen einer gewissen Akkumulation von Elektronik- und Ramschläden als "must see" wie man ja neudeutsch zu sagen pflegt. Zu Unrecht wie ich finde, aber ich kann es mir als Langzeitbesucher ja leisten. Schon im Bahnhof geben eindeutige Schilder wertvolle Hinweise: Sprachbegabte und Tokyo-insider wissen sofort, dass hier nicht der elektronische Ausgang zu Stadt sondern der Ausgang zur elektronischen Stadt ausgewiesen wird:



Unzählige Geschäfte, Spielhöllen und Werbetreibende funkeln, schreien und bezirzen natürlich um die Wette und in den Manga- und Comicshops schleicht diese ganz spezielle Gattung männlicher homo (sapiens (sapiensis)) herum, wie man sie auch aus deutschen Gamestops und Automatencasinos kennt.
Für Dich Stephan habe ich mich überwunden und bin trotzdem eingetreten, du bekommst eine Fotoauswahl verschiedener Godzillas und darfst einen aussuchen. Ich muss Dich allerdings enttäuschen, Godzilla ist hier nicht mehr angesagt! Er wurde von einer Familie kleiner Plastiktintenfische verdrängt, die in unterschiedlichsten Lebenslagen modelliert, omnipräsent angeboten wird. Das muss bitter Sein für so eine potente Echse. Auch sehr beliebt scheint die Darstellung einer brutalen Koexistenz von reizenden Schulmädchen und monströsen Drachen zu sein. Erstere erschrecken sich in wechselnden Alltagsszenarien ganz entsetzlich, wenn Letztere artgerechtes Verhalten zeigen. Mit diesen Bildern im Kopf sage ich gute Nacht!

Freitag, 3. August 2012

Mir ist nicht wohl. Mir ist sogar ziemlich unwohl! Schuld daran ist ein Zusammentreffen mit Li-san am Photometer. Auf die offenbar sehr ausführliche Kalibrierung wartend erzählte er von einer Soba Bar (japanische Nudeln), die so große Portionen machen würde, dass Keiner die je aufessen könnte. Wenn doch würde er ihm glatt das Essen ausgeben. Insgeheim warte ich ja den ganzen Tag auf nichts anderes als solche Sprüche. Mit strategischer Zurückhaltung habe ich irgendwas wie "man könnte es ja mal versuchen" gesagt und kurze Zeit später stand die Wette: Wenn ich es schaffe zahlt er, sonst ich! Wir sind dann auch direkt los, das blöde Photometer war eh noch am kalibrieren. Als die tatsächlich riesige Portion Soba vor mir stand war ich noch siegessicher:



Ich hatte noch nicht bemerkt, dass Nudeln und Sojakeimlinge (seit EHEC sind die mir suspekt) in einer Knoblauchsuppe schwammen und diese kleinen weißen Flöckchen reinen Knoblauch repräsentierten. Nach dem ersten Happen fing ich an zu überlegen, wie ich aus der Sache wohl wieder rauskomme. Erste Idee war, mich unglaublich ungeschickt mit den Stäbchen anzustellen, was mir auch gleich den Kommentar "das ging aber schonmal besser" einbrachte. Um den Knoblauch herum zu essen klappte auch nicht, es ist ähnlich schwierig in einer Kartoffelsuppe die Kartoffeln zu meiden.
Die angesichts des massenhaften SNP (Stäbchen Nudel Problem) obligatorische akustische Kulisse stand der einer Schweinezucht in nichts nach und machte den Genuss der Knoblauchessenz nicht eben leichter.
Nach einem peinlichen Viertel des Gerichts habe ich dann aufgegeben. Li-sans irritierter Blick wich schnell einem siegessicheren Grinsen und ich war um 1800yen ärmer. Er wollte mich trotzdem einladen aber das konnte ich nicht annehmen, Wette is Wette. Schließen möchte ich mit einer schrecklich realen Epipher: Mir ist nicht wohl. Mir ist sogar ziemlich unwohl! Immernoch!


An meinen letzten Eintrag schließt aber der vorvergangene Montag an und ist mir mit wirklich beeindruckenden Highball in Erinnerung geblieben. Das team war zu Sushi, Bier und Sake eingekehrt, hatte die Bar schon mindestens einmal gewechselt und ließ sich gerade zu indifferenten Saufparolen hinreißen, als mir besagter Longdrink in 7 verschiedenen Varianten auf einer Karte entgegen waberte. Vier davon habe ich probiert - mehr gab‘s nicht - alle waren super, vor allem der mit Ginger. Kaspar, die Japaner assoziieren deinen Namen nun mit diesem Mischgetränk, evtl. verwechseln sie Dich sogar damit. Wenn du also "Nama Kaspal futatsu kudasai" hörst weist du was von dir erwartet wird und wem du das zu verdanken hast. Grüße nach Tübingen bei der Gelegenheit.

Mittwochmorgen ging‘s dann wie angekündigt nach Shinshu, das ist der alte, aber hier hippere Name für Nagano. Wiedermal hat sich mein Gastgeber, Prof. Ikeda als unglaublich netter Mensch erwiesen, der mir mit seinem team zwei tolle Tage bereitet hat. Essen, Vortrag, Institutsführung, Onsen, nochmal Essen - ich könnte mich daran gewöhnen! Vielleicht sucht ja Jemand Vortragsreisende für kulinarisch lohnende Regionen, ich stünde zur Verfügung :-) Leider habe ich in Shinshu nur zwei Fotos gemacht, eines zeigt den Blick aus meinem Hotelfenster, das andere leckeren Fisch in gerade gesättigten Menschen. Das gibt es sogar auf der Homepage zu sehen: Link



Auf der Heimfahrt am Freitag habe ich noch tolle Bilder von der schönen Bergwelt um Nagano gemacht, die eine weitere Geschmacksrichtung japanischer Natur darstellt. Die Warnmeldung "keine Speicherkarte" hat dabei garnicht gestört, dennoch sehe ich mich gezwungen meine Eindrücke mit Ms Paint zu illustrieren.



Zurück in Tokyo war ich noch fix im Labor und anschließend mit Cho und Kim essen. Hamazushi heißt dieser vollautomatische Fischverteiler, indem es sich fürstlich speisen lässt. Ich weis jetzt woher das Okinii in Düsseldorf die Idee mit den iPads hat... Weniger egozentrische Displays hängen hier überall an den Tischen und warten auf die kulinarischen Gelüste der Gäste. 28 Teller haben wir zu Dritt geschafft und erst danach hat Kim verkündet uns einzuladen - eine feine Art! Noch ein deutsches Sushi Restaurant kam mir bei dem Wort "oishi" in den Sinn: das heißt "köstlich" auf Japanisch, also kein besonders einfallsreicher aber erfreulich zutreffender Name für die Aachener Filiale.



Samstag stand Feuerwerk in Asakusa auf dem Plan. Das Feuerwerk wurde von einem Fluss abgeschossen, der umsäumt von sehr hohen Häusern nur von Brücken und einer Uferstraße einsehbar war. Beides war aus Sicherheitsgründen gesperrt. In 15 Metern Höhe schlängelte sich ein highway am Flussverlauf entlang, der aus Sicherheitsgründen natürlich auch gesperrt war. Die Menschenmassen wurden von der zahlenmäßig überlegenen Polizeiarmada daher unter den Highway geleitet - aus Sicherheitsgründen... Spätestens hier war eine Fehleranalyse angebracht:
a) Die Polizei wusste nicht, dass Feuerwerk in der Luft stattfindet
b) Die Polizei wusste nicht, dass man durch Autobahnbrücken nicht durchgucken kann
c) Der Polizeichef kann den Feuerwerkchef nicht leiden und wollte ihm immer schon einen reinwürgen

Letzteres schien mir am plausibelsten während ich den Japanern zusah, die sich die Liveübertragung des Feuerwerks auf ihren Smartphones ansahen. Immerhin war der Ton echt und es hat gehallt wie sau!



Danach haben uns die Polizeimassen nach Hause reguliert. Deutsche "Autonome" (ist das die politisch korrekte Bezeichnung?) sollten das mal mitmachen, danach würden sie Schäuble und Friedrich als Freiheitskämpfer feiern. Es war allen Ernstes unangenehm, aber auch das ist wohl Teil der Kultur, wie man am Verhalten der Einheimischen beobachten kann. Gehorsam, eiserne Akzeptanz von Regeln und eine selbstverständliche Unterordnung in der Masse sind hier völlig normal. Bei den beengten Verhältnissen ist das auch erklärbar und manchmal sicher notwendig, aber dem eher freiheitlich geprägten Europäer ist das schnell unangenehm.

Nach dieser ersten abendlichen Etappe hieß es dann: Frisch machen, krasse Frisur erzeugen, Geld einstecken und ab in die U-Bahn Richtung Shinbashi. Ziel war der Club "ageHa Studio coast", der mir mehrfach als DIE location in Tokyo empfohlen wurde und angeblich das beste Soundsystem Asiens zu bieten hat. Mit diesen Superlativen bin ich vorsichtig geworden. Bei der Anzahl an längsten Straßen, höchsten Türmen und größten Zigarettenanzündern die mir schon gezeigt wurden, bedürfte es schon zahlreicher Parallelwelten um die Grundsätze der Logik nicht zu verletzen. Aber vielversprechend klang es so oder so.

Es war nicht einfach in den Schuppen reinzukommen. Reisepass, Fingerabdrücke und Leibesvisitation wie am Flughafen waren für jeden Gast obligatorisch. Dabei guckten sehr kleine Türsteher zu, die durch individuelle Podeste Mannesgröße erreichten. Ich habe mir jeden Anflug von Lachen verkniffen und eine devote Gestik probiert - mit Erfolg, ich kam rein, Andere nicht.

Drinnen erwartete uns dann ein Zerstreuungsetablissement der Extraklasse! Ich habe intuitiv versucht Oropax anzulegen bis ich gemerkt habe, dass seit dem Eingangsbereich schon welche drin waren. Anhand des rhythmischen Faltenwurfs meines Hemdes schätze ich weit über hundert db aber tatsächlich in beeindruckender Qualität - das mit dem besten Soundsystem lasse ich gelten. Die riesige Halle wurde optisch von zwei gigantischen Laserbänken zerfetzt, während ein wirklich guter DJ sehr tanzbare Musik produziert hat. Alles was regelmäßig Bumm macht heißt bei mir Techno - aber diesbezüglich wurde ich mehrfach streng korrigiert: Goa-Psytrance war das! Alles klar, wie konnte ich das nur verwechseln...
Während in dieser Halle also Goa-Psytrance tobte konnte man in einem Außenbereich um einen Pool herumtanzen. Die Musik dazu war ruhiger, vielleicht Goa-Sleeptrance, aber ich habe mich nicht getraut Vermutungen anzustellen. Ab 4 Uhr konnte man dem Sonnenaufgang entgegen tanzen.

Neben diesen technischen Aspekten hatte sich auch eine nette Runde ergeben. Mit Ariel, Andi und Ben (ein erstaunlich extrovertierter amerikanischer Quantenphysiker) habe ich unüberschaubar viele Japaner kennengelernt, und Runde für Runde auf Dies und Jenes angestoßen. Angesichts der Zustände die man in der Akkumulation von Alkohol, Schalldruck und Lasergeflacker erreicht wundert es fast, dass diesem wahnsinnigen Treiben kein Gesetz Einhalt gebietet. Aber ab und zu konsumiert, schadet es hoffentlich auch nicht. Um 5:30 ging die erste Bahn zurück in die Innenstadt und ich habe mich entschieden, alle weiteren Erlebnisse bis Montagmorgen unkommentiert zu lassen. Wenn mein komisches Handy mir endlich die Übertragung meiner Daten gestattet, kommen auch noch ein paar Bilder nach...

Sonntag, 22. Juli 2012

Heute singe ich ein Loblied auf die Tokyoter U-Bahn:
1 und 2 und 3 und "jede Fahrt beginnt mit der Passage einer elektronischen Schranke, die für die Fahrpreisberechnung den Startpunkt festhält. Ein Schaffner oder gar reiner Kontrolleur, der mit seiner Existenz jeden Fahrgast unter generellen Betrugsverdacht stellt, entfällt damit und man fühlt sich tatsächlich als Fahr-gast und nicht -parasit.
Jeder normale Mensch ist hier mit einer Suica oder Pasmo card ausgestattet, die im Vorbeigehen über den Scanner gezogen wird. Wenn das 7 sprintende Fahrgäste in 3 Sekunden machen ist das für die Elektronik kein Problem, wir sind hier schließlich in Japan!



Die Hallen, in denen man sodann verkehrt sind sauberer als handelsübliche Sterilbänke, die Beschilderung ist auch für orientierungsschwache Personen nachvollziehbar und jeder einzelne Gang im gesamten U-Bahnnetz ist blindengerecht mit gelben Pfaden versehen. Blindengerecht ist natürlich nicht die Farbe, sondern deren Oberflächenstruktur, über die alle nötige Information haptisch vermittelt wird.


Die Rolltreppen sind schonmal etwas länger, im folgenden Bild ist eine von 4 Rolltreppen zu sehen, denen man zum Erreichen des "Oedo Line" Levels folgen muss. Diese Linie ist die Jüngste und daher zwangsläufig auch Tiefgelegenste in Tokyo und verkehrt bis zu 50m unter der Erdoberfläche.


Im Falle der deutschen Bahn wird das pünktliche Eintreffen eines Zuges ja zu Recht mit Erstaunen wahrgenommen. Hier kann man sicher sein, dass eine um 22:10 verkehrende Bahn, um 22:09:45 einfährt und man um 22:09:59 durch die Tür schreitet. Sollte man sich auf 22:11 verspätet haben macht das auch nichts, um 22:13 kommt ja der nächste Zug...
So macht öffentlicher Nahverkehr Spaß und wird zur überlegenen Alternative zum Auto! Das bräuchten wir auch in deutschen Städten, von mir aus auch mit extra breiten Parkplätzen für die Tuaregs der ökologischen Besserverdiener."

Das Lied ist hier zu Ende!

Am Donnerstag war ich im Labor etwas früher fertig und habe beschlossen nach Shibuya zu fahren. Unterwegs stand ich unschlüssig in der Tür eines Expresszuges und war besorgt extrem flott an Shibuya vorbei zu sausen. Ein netter Fahrgast beendete meine Sorge und die Blockade des Zuges und bot kurzerhand an, mir den Weg nicht zu erklären sondern zu zeigen und bei der Gelegenheit durch den Stadtteil zu führen.
Fast 2 Stunden hat er das sehr interessant und sympathisch gemacht - ich war beeindruckt! Man hat ja gelernt nicht naiv zu sein, also war ich jederzeit auf eine Einladung in horizontale Etablissements oder irgendwelche unappetitlichen Empfehlungen vorbereitet. Jetzt weiß ich, dass man in Japan naiv sein darf! Als wir wieder in Bahnhofsnähe waren entschuldigte er sich mit dem Kommentar, jetzt mal nach Hause zu müssen, und wünschte mir alles Gute und viel Spaß in Japan.
Ein Foto haben wir noch gemacht, dann ist er los - die Japaner sind irre nett!


In Shibuya liegt auch die berühmte Kreuzung aus "Lost in translation". Ich hatte selbige schonmal in Asakusa fotografiert ohne zu ahnen dass sie es garnicht ist - entschuldigung! Jetzt also die richtige Kreuzung:


Sie schließt das Stadtzentrum an den Bahnhof an, der jeden Tag von 3 Millionen Pendlern zum Ein-, Um-, und Aussteigen genutzt wird. Daher ist es dort häufig etwas voller, mein Besuch zwischen den Hauptverkehrszeiten zeigt also ein untypisch ruhiges Bild. Der ganze Stadtteil wirkt aber recht verstopft - mich hat‘s erheitert, die Pendler dürften es hassen.


Erstmalig habe ich LKWs gesehen, die sich auch nachts eine zweite Daseinsberechtigung als Werbeträger schaffen. Der komplette trailer ist mit Leuchtreklame überzogen und aus dem Unterboden tönen wummernde beats und Kaufbefehle formulierende Frauenstimmen. In schlichterer Umgebung könnte das zu Zwangshandlungen führen, mitten in der Stadt bezweifel ich den Erfolg beim Konsumenten aber, Stichwort Reizüberflutung! Ich hätte mich an meinem Mc Pork fast verschluckt.


Gestern Abend war ich mit Ariel in Ginza unterwegs und habe mir mal wieder interessante Häuser erklären lassen. Ich werde zukünftig keine Stadt mehr ohne einen Architekten besuchen, diese Form der Stadtführung begeistert mich und ist für mein schlichtes Gemüt beeindruckender als das gewöhnliche "hier starb Brecht" oder "Karl der Große hätte angeblich mal dort gestanden haben sollen".


Etwas japanischer Niederschlag (zu Deutsch "Starkregen") weckte dann die Lust auf Bier mit Dach. In den ersten 3 Bars stolperten wir beim Eintreten jeweils über eine rechtwinklig verbeugte Bedienung - deren Daseinsform wir mittlerweile richtig interpretieren können:"Hochverehrter Gast, ich kriege gerade die Vollkrise weil wir in 12,453 Minuten schließen und die Hochleistungsstoppuhren schon auf 23:00:00:00:00:00 gestellt sind!"

Ehrlichgesagt nervt das ein bischen, neben dem Gebrauch von Messer und Gabel ist das eine weitere Sache, in der sich westliche Gesellschaften sinnvoller verhalten. Immerhin hatte der "Cowboys night club" noch geöffnet, aber wir waren unsicher was mit Cowboys genau gemeint ist. Bei Hooters waren wir da sicherer, haben aber den Eingang nicht gefunden. Eine Bar unter der Shinkansentrasse imponierte dann aber mit einem erstaunlich entspannten Verhältnis zur Uhrzeit und hat uns Bier, Dach und Pommes geboten. Die Pommes kamen übrigens mit Butter, wenn schon Reisersatz dann richtig...


Roppongi liegt direkt neben Shibuya und wurde heute Mittag von mir besucht. Bulgari, Dolce & Gabana, gina george und deine Muddda haben versucht zu beindrucken, taten das aber kaum. Der tolle Tempel ehrlichgesagt auch nicht.
Die automobilen Fabrikate deutscher Herkunft schon eher. In dieser Hinsicht sind sich Japaner, Europäer und Amerikaner offenbar sehr ähnlich. Wer empfundene Potenz ausdrücken oder vermisste Potenz ausgleichen möchte, fährt überall auf der Welt mit Porsche, Mercedes oder BMW um Dolce und Gabana shops herum. Ich finde das gut! Zumal sich Viele den kleinen Kommentar AMG oder Alpina nicht verkneifen und zu guter Letzt noch ein paar Liter Super plus über den Jordan schicken wenn man unverblümt hinguckt. Mir gefiel der Klang vom Gemballa V10 Biturbo am besten!

Aber ich schweife ab, neben den Autos war der Eingang zum Tokyu Plaza sehenswert bis kreislaufschädigend. Drinnen gab‘s aber nur zu kleine Klamotten, also bin ich direkt wieder raus.


Nächste Woche geht‘s nach Nagano an die Shinshu university. Dort besuche ich das team von Masato Ikeda, den ich bisher nur zitieren durfte und freue mich da sehr drauf. Neues also von dort, liebe Grüße an Euch alle!

Mittwoch, 18. Juli 2012

Mittlerweile ist es hier lächerlich heiß! Man erinnere sich, seit spaceballs ist "lächerlich" die letzte Eskalationsstufe vor "wahnsinnig", das hebe ich mir für Okinawa auf! Man erklärt das hier üblicherweise mit der subtropischen Zone, aber ich hege immer noch den Verdacht, dass Alex mal hier war und es mit seinen Saunaaufgüssen derart übertrieben hat, dass die Folgen heute noch zu spüren sind. Die Ähnlichkeit beider schrecklichen klimatischen Erlebnisse ist frappierend. Danke auch Alex!

Meine Joggingrunden kann ich so nicht fortführen. Der gestrige Versuch diesen menschenfeindlichen Bedingungen mit Ignoranz zu begegnen war eine dumme Idee! Ich habe immernoch Reizhusten und fühle mich leicht beschubbelt. Zum Glück ist eben ein Sturm aufgezogen, der hier recht wirkungsvoll klar Schiff gemacht hat. Die Kombination aus Sonnenuntergang und Sturmwolken war orange! Alles war orange, Strasse, Häuser, Menschen - ein sehr eigenartiges Licht.



Vom letzten Sturm habe ich noch ein Bild gefunden, dass eine sehr effektive Behebung von Folgeschäden zeigt. Fällt das auch noch unter den Begriff "pikieren"?


Das wars auch schon für heute, der Rest ist verschubbelt.